27.11.2009 / 18:00 Uhr / Vorabenddemo in Recklinghausen

Weder Arbeit, Brot noch Freiheit – “modernen” Nationalsozialismus bekämpfen!

Antifaschistische Demonstration – Recklinghausen 27.11. 18:00

Für den 28. November 2009 rufen Neonazis aus dem Kreisgebiet und darüber hinaus zu einem Aufmarsch in Recklinghausen auf. Angemeldet von Neonazi-Urgestein Christian Worch lautet ihr Motto: „Für ein Recht auf Zukunft – Arbeit, Freiheit, Brot durch nationalen Sozialismus“. Getragen und unterstützt wird der Aufmarsch hauptsächlich von einigen Gruppen aus dem Ruhrgebiet, die sich in dem Neonazi-Netzwerk „AG Ruhr Mitte“ zusammengeschlossen haben. Darunter finden sich der „Nationale Widerstand Recklinghausen“, der „Nationale Widerstand Marl“, die „AG Essen“, sowie einige kleinere Gruppierungen. Die Organisation des Aufmarsches erscheint allerdings mehr als konfus.

So geben die Veranstalter mit dem Motto zwar einen groben Rahmen vor, überlassen die inhaltliche Ausgestaltung in Form von Aufrufen jedoch einigen wenigen Neonazigruppen und Einzelpersonen. Bisher sind insgesamt acht einzelne Aufrufe seitens der Neonazis angekündigt. Anscheinend wissen die Organisatoren selbst nicht so recht, warum sie überhaupt nach Recklinghausen wollen. Als ausschlaggebenden Grund für den Aufmarsch kann man schließlich festhalten: Die Neonazis im Ruhrgebiet haben es 2009 nicht geschafft einen ordentlich angemeldeten Aufmarsch erfolgreich durchzuführen. Der letzte Versuch scheiterte mit dem zuvor groß angekündigten „Antikriegstag“ in Dortmund vor einigen Wochen. Diesen Umstand geben sie selbst kleinlaut auf der Mobilisierungsseite zu. Bei der Sichtung der Aufrufe findet mensch das gewohnte Potpourri neonazistischer Argumentation und Theorie wieder. Angefangen beim Thema „Anti-Kapitalismus“ und Finanzkrise geht es dort ferner um das Bejammern des Niedergangs des deutschen Volkes, die „fortschreitende Überfremdung“, die steigende Kriminalität und um die Verherrlichung des Nationalsozialismus, also alles was zur Zeit en vogue ist oder schon immer Thema der Rechten war. Insgesamt scheinen alle Aufrufe schlecht erarbeitet und von – selbst aus neonazistischer Sicht – minderer Qualität. Doch als wäre diese dilletantische Vorarbeit nicht genug an eigener Demobilisierung, veröffentlichten die Organisatoren auf ihrer offiziellen Internetseite bereits im Vorfeld einen umfangreichen Katalog selbstgewählter Auflagen, in welchen sie in bester Deutschtümelei nahezu alles diktieren, was beim Aufmarsch „willkommen“ und was „ausdrücklich untersagt“ ist. Einige dieser Auflagen haben in Neonazi-Kreisen erhebliche Kritik hervorgerufen.

Re_Vorabenddemo

Da die offensichtliche Diskrepanz und Fehleinschätzung zwischen neonazistischer Argumentation und Realität viele Themen der Neonazis ganz von allein demaskiert, werden wir an dieser Stelle nur sehr begrenzt auf die spezifische Thematik der Aufrufschreiber eingehen.

Antikapitalismus und NS
Die weltweite wirtschaftliche Krise hat mehr oder weniger neue Denkanstösse in der neonazistischen Rechten zu Tage gefördert bzw. reaktiviert. So steht das Thema „Anti-Kapitalismus“ in der Rechten nun oftmals im Mittepunkt. Doch natürlich unterscheidet sich die neonazistische Kritik des Kapitalismus deutlich von der unsrigen. Allen voran vertreten Neonazis die Auffassung, der „Raubtier“-Kapitalismus zerstöre die natürlich gewachsene Volksgemeinschaft. Mit diesem Begriff, der in einigen der acht Nazi-Aufrufen benutzt wird, beziehen sie sich auf ein gesellschaftliches Modell, welches unter anderem auch im Programm der NSDAP festgeschrieben war. Hiernach gehören zum deutschen Volk nur jene, die eine „arische“ Abstammung nachweisen können. Ein zweite Grundbedingung lag im klaren Bekenntnis zum NS. Ausgeschlossen waren daher von vornherein auch Homosexuelle, Behinderte und (politisch) anders denkende Menschen. Insgesamt stellte die praktizierte Volksgemeinschaft (also der Nationalsozialismus) den klassenübergreifenden Aufstand aller Deutschen, gegen das dar, was ihnen als Kapitalismus und Liberalismus galt. In den heutigen Aufrufen wird von Naziseite immer wieder die schaffende, deutsche Arbeit (die sie ganz offen so benennen) in Stellung gegen raffende Profitgier, „Zinsknechtschaft“ und Zirkulationsphäre gebracht. Hierdurch sehen sie die kapitalistischen Klassengegensätze aufgehoben und die „natürliche Wirtschaft“ der Volksgemeinschaft wiederhergestellt. Dass sich im Kapitalismus jedoch die Produktion nicht von der Zirkulation trennen lässt, wurde schon an anderer Stelle ausführlich nachgewiesen.
Die aktuelle Nutzung derartiger historischer Begriffe belegt einmal mehr die Anbiederung der lokalen Neonazis an den historischen Nationalsozialismus. Wer einen Blick auf die auf die Homepage des Nationalen Widerstandes RE wirft, dem wird auch hier unmissverständlich klargemacht, wo sich dieser verortet. Dort heißt es: „Wir bekennen uns zu einem modernen Nationalsozialismus“.

Aus antifaschistischer, anarchistischer oder kommunistischer Sichtweise ist solchen vökisch-repressiven Vorstellungen die Vision einer klassenlosen und befreiten Gesellschaft entgegenzustellen. Diese erfordert natürlich die Abschaffung von Nation, Volk und Kapitalismus. Die linke Kritik des Kapitalismus muss auf dem Weg zu diesem ersehnten Endzustand geschärft und präzisiert werden, was natürlich eine vorhergehende gründliche Analyse
des Kapitalismus voraussetzt. Eine verkürzte oder grundsätzlich falsche Kapitalismuskritk ist nämlich nicht nur ein Phänomen welches bei Nazis, sondern leider auch bei einigen (vermeintlichen) linken Gruppen beobachtet werden kann.

Was ist zu tun?
Die deutliche Zunahme von neonazistischen Aktivitäten im Kreis Recklinghausen in den letzten Jahren ist wohl Niemanden entgangen. Meist sind dies klandestine, spontane und oftmals gewalttätige Aktionen. Der jetzige Aufmarsch bietet seit langer Zeit erstmals die Möglichkeit konzentriert vor Ort gegen Neonazis vorzugehen. Antifaschistische Aktionen am Tag selbst können jedoch nur ein Teil unseres Kampfes gegen Neonazismus darstellen. Vielmehr muss der antifaschistischen Basisarbeit mehr Gewicht verliehen werden. Die bestehenden antifaschistischen Strukturen im Kreis Recklinghausen gilt es zu stärken und weiterhin ist eine antifaschistische Jugendkultur zu fördern. Wenn Du Interesse an der Mitarbeit in einer antifaschistischen Gruppe hast, dann wende Dich an die entsprechenden Gruppe und nimm einfach Kontakt auf.

Die Bekämpfung des vorhandenen Neonazismus ist jedoch nur eine Seite unserer Arbeit. Mindestens ebenso wichtig ist die Erarbeitung und Verbreitung von Positionen zu weiteren Themen, die uns am Herzen liegen. Dazu gehört die bereits erwähnte Schärfung unserer Kapitalismuskritik ebenso wie die des Rassismus, des Antisemitismus und allen anderen Widerlichkeiten des deutschen Alltags. Viel zu oft wird ausschließlich den Nazis von Aufmarsch zu Aufmarsch hinterhergerannt und die eigenen Inhalte fallen hinter eine reine Anti-Nazi-Politik zurück. Daher haben wir uns entschlossen unsere Demonstration zeitlich vom Aufmarsch zu trennen. Sie bietet uns einerseits die Möglichkeit auf die erheblich gesteigerte Aktivität von Neonazis hinzuweisen, und lässt uns andererseits unsere eigenen Positionen öffentlich vertreten. Dies ist mehr als nötig, denn auch ohne Nazis sind die herrschenden Zustände nicht hinnehmbar.
Wir halten fest an unserer Vision einer befreiten Gesellschaft und werden weiterhin dafür kämpfen.
Unterstützt uns und kommt zur Demonstration nach Recklinghausen!

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Recklinghausen 27.11. 18:00
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